Stabilitätsanalyse
Vorüberlegungen: Charakteristische Gleichung und Kritischer Punkt
Gegenkopplung
Bei der Analyse eines geschlossenen Regelkreises mithilfe der Formel für Gegenkopplung stellt man fest, dass jede Übertragungsfunktion, die durch den Regelkreis führt, denselben Nenner hat:
Egal, wo das Eingangssignal in den Regelkreis eintritt und wo das Ausgangssignal ihn wieder verlässt: Immer gehören manche Elemente des Regelkreises zum Vorwärtspfad und alle anderen zum Rückwärtspfad . Das Produkt ist also genau die Serienschaltung aller Elemente des Regelkreises: der offene Kreis
Nehmen wir an, wir hätten folgenden Regelkreis vorliegen:
Dann zählen , und zum Vorwärtspfad der Führungsübertragungsfunktion (d.h. der Übertragungsfunktion zwischen Führungsgröße und Regelgröße ); liegt im Rückwärtspfad.
Betrachtet man die Störübertragungsfunktion (zwischen Störgröße und Regelgröße ), dann bildet nur den Vorwärtspfad; dafür liegen und nun mit zum Rückwärtspfad.
Der offene Kreis ist in beiden Fällen das Produkt
Charakteristische Gleichung und Kritischer Punkt
Wenn wir die Stabilität einer solchen Übertragungsfunktion untersuchen wollen, müssen wir ihre Polstellen finden, d.h. die Nullstellen ihres Nenners. Besitzen sie alle negativen Realteil, ist der Regelkreis stabil -- sonst nicht.
Dabei ist noch zu beachten: Die Pole können zwar durch eine Nullstelle im Zähler kompensiert sein; dennoch bilden die Nennernullstellen eine Grundmenge aller Kandidaten für echte (d.h. nicht kompensierte) Übertragungspole. Wenn alle Kandidaten "links" liegen, gilt das auch für die Pole.
Und was ist mit Polstellen im Zähler?!Gute Frage! Eine Polstelle im Zähler macht den Bruch ja auch unendlich groß, oder?! Nein, aufgrund der speziellen Struktur ist das hier nicht so. Denn der Zählerausdruck steckt ja auch vollständig im Nennersummanden . Geht der Zähler gegen unendlich, passiert dasselbe folglich auch im Nenner und der Bruch bleibt endlich.
Da der Nenner in allen Fällen identisch ist, ergibt sich daraus die folgende Bedingung.
Die charakteristische Gleichung eines Regelkreises lautet
Darin ist die Übertragungsfunktion des offenen Kreises.
Den Punkt -1 der komplexen Ebene bezeichnet man als den kritischen Punkt.
Es gilt: Alle Pole des geschlossenen Kreises erfüllen die charakteristische Gleichung. Deren Lösungen bilden somit die Grundmenge aller Kandidaten für Pole. Sind alle bekannt und besitzen negativen Realteil, ist der Regelkreis gesichert stabil.
Betrachten wir einen Standardregelkreis mit der PT1-Strecke und einem P-Regler .
Die charakteristische Gleichung lautet dann:
Der einzige Kandidat für eine Polstelle im geschlossenen Regelkreis ist folglich . Somit liegen sicher alle Pole des geschlossenen Regelkreises links der imaginären Achse und er ist stabil!
Zur Bestätigung bestimmen wir die Führungsübertragungsfunktion:
Tatsächlich besitzt sie einen Pol in -10.
Leider ist die charakteristische Gleichung nicht immer so ohne weiteres zu lösen...
Ergänzen wir im obigen Beispiel ein Messglied im Rückführpfad des Regelkreises, das eine kleine Totzeit aufweist und somit die Übertragungsfunktion
Dann lautet die char. Gleichung nun
Und jetzt? Diese Gleichung bekommen wir nicht so einfach gelöst, denn wir kriegen die e-Funktion nicht weg, ohne uns auf der anderen Seite einen Logarithmus-Term einzufangen. Man nennt eine solche Gleichung auch transzendent.
Weiter im Text
In einem Fall wie dem zuletzt betrachteten brauchen wir stärkere Geschütze! Zum Beispiel das spezielle Nyquist-Kriterium.
