Stabilitätsanalyse
Stabilitätsreserve
Grundidee
Um mit dem speziellen Nyquist-Kriterium Aussagen über die Stabilität des geschlossenen Regelkreises zu treffen, mussten wir prüfen, ob die Ortskurve des offenen Kreises ) den kritischen Punkt umschließt oder nicht.
In diesem Artikel werden wir sehen, dass wir zusätzlich zu dieser binären "stabil"-oder-"nicht stabil"-Aussage auch etwas daraus lernen können, wieviel Abstand die Ortskurve zum kritischen Punkt hat.
Wir nehmen hier an, dass alle Elemente des Regelkreises linear-zeitinvariantes Verhalten besitzen; andernfalls können sie nicht durch Übertragungsfunktionen modelliert werden und die Analyse auf Basis der Ortskurve ist nicht möglich.
Amplituden- und Phasenreserve
Aufgrund der obigen Überlegungen definiert man nun die zwei folgenden Kenngrößen:
- Die Amplitudenreserve gibt an, um welchen Faktor die Verstärkung des Regelkreises erhöht werden kann, bevor der kritische Punkt von der Ortskurve umschlossen wird.
- Die Phasenreserve gibt an, um welchen Winkel die Phasenverschiebung des Regelkreises in der Durchtrittskreisfrequenz erhöht werden müsste, bevor es zur Umschließung kommt.
Ablesen von der Ortskuve
Um die Amplitudenreserve zu ermitteln, sucht man im Nyquist-Diagramm den Schnittpunkt der Ortskurve mit der negativen reellen Achse. Der Abstand dieses Schnittpunkts vom Ursprung entspricht dem Kehrwert der Amplitudenreserve.
Im Beispiel unten beträgt der Abstand etwa und die Amplitudenreserve folglich ca. ; das heißt, die Verstärkung des Regelkreises könnte knapp verdoppelt werden, bevor er instabil wird.
Um die Phasenreserve zu ermitteln, sucht man im Nyquist-Diagramm den Schnittpunkt der Ortskurve mit dem Einheitskreis und ermittelt den Winkel zur negativen reellen Achse.
Im Beispiel unten beträgt dieser Winkelabstand etwa .
Ablesen aus dem Bode-Diagramm
Amplituden- und Phasenreserve können auch aus dem Bode-Diagramm abgelesen werden:
- Den Schnittpunkt der Ortskurve mit der negativen reellen Achse findet man im Bode-Diagramm dort, wo der Phasengang den Wert erreicht. Um die Amplitudenreserve zu ermitteln, liest man ab, wie weit unterhalb von 0 dB der Amplitudengang an dieser Frequenz liegt (vgl. siehe Dezibel-Skala). Im Beispiel unten sind dies ca. 6dB ().
- Um die Phasenreserve zu ermitteln, benötigen wir den Schnittpunkt der Ortskurve mit dem Einheitskreis (oranger Punkt). Dieser liegt im Bode-Diagramm dort, wo der Amplitudengang den Wert 0 dB erreicht. Die Phasenreserve entspricht dann dem Abstand des Phasengangs von in dieser Frequenz. Im Beispiel unten sind dies ca. 60°.
Fallbeispiele
Probieren wir das doch einmal aus!
Dieses Beispiel betrachtet einen Standardregelkreis mit einem P-Regler und einer stabilen Strecke der Ordnung - das spezielle Nyquist-Kriterium ist somit anwendbar.
Unten siehst Du die Sprungantwort des geschlossenen Regelkreises, d.h. den Verlauf der Regelgröße, wenn man als Führungsgröße einen Einheitssprung anlegt. Außerdem ist die Ortskurve des offenen Kreises abgebildet.
- Ermittle zunächst die Amplitudenreserve aus dem Nyquist-Diagramm.
- Erhöhe dann allmählich die Verstärkung des P-Glieds und beobachte, welchen Einfluss dies auf die Sprungantwort hat: Die Schwingneigung des Regelkreises nimmt zu, d.h. die Amplitude der Überschwinger wird immer größer.
- Sobald die Verstärkung den Wert der anfangs ermittelten Amplitudenreserve überschreitet, schwingt der Regelkreis auf, d.h. die Amplitude der Schwinger wird immer noch größer. In der Praxis würde die Stellgröße irgendwann in Sättigung gehen (abgeschnitten werden), was die Amplitude der Schwingung begrenzt; dennoch bezeichnet man den Regelkreis als instabil.
Sprungantwort des geschlossenen Kreises
Ortskurve des offenen Kreises
In diesem Beispiel betrachten wir eine schwach gedämpfte PT2-Strecke mit einem PI-Regler; das spezielle Nyquist-Kriterium ist anwendbar (alle Pole haben negativen Realteil, bis auf einen einfachen Integrator).
Variiere die Zeitkonstante der Strecke und beobachte, wie die resultierende Zunahme der Phasenverschiebung ebenfalls zu einer erhöhten Schwingneigung führt, bis auch hier genau ab dem Moment Instabilität eintritt, in dem die Ortskurve den kritischen Punkt umschließt.
Sprungantwort des geschlossenen Kreises
Ortskurve des offenen Kreises
Faustregeln
In der Praxis ist es aus mehreren Gründen nicht empfehlenswert, einen Regelkreis zu nahe an der Stabilitätsgrenze, d.h. mit zu kleiner Stabilitätsreserve zu betreiben:
- Einerseits können Modellfehler dafür sorgen, dass die vermutete Reserve in der Realität geringer ist als bei der Analyse vermutet.
- Andererseits kann die Strecke ihr Verhalten im Lauf der Zeit ändern (vgl. Forderung nach Robustheit).
- Schließlich zeigt der Regelkreis mit abnehmender Stabilitätsreserve eine immer stärkere Schwingneigung und dementsprechend schlechtes Führungsverhalten (vgl. Simulationsbeispiele oben).
Daher ist es empfehlenswert, folgende Richtwerte einzuhalten:
Laut [Föllinger 2013] sollte
- die Phasenreserve mindestens 40° betragen, besser 50-70°, für aperiodisches Verhalten (ohne Überschwinger) sogar 80-90°,
- die Amplitudenreserve mindestens betragen, besser 4-10.
Spezialfälle und Verallgemeinerungen
Unendliche Amplitudenreserve
Es kann vorkommen, dass die Ortskurve keinen Schnittpunkt mit der negativen reellen Achse aufweist wie im Bild unten. In diesem Fall ist die theoretische Amplitudenreserve unendlich groß, d.h. die Reglerverstärkung könnte theoretisch beliebig weit erhöht werden, ohne dass der Regelkreis instabil wird. In der Praxis ist dies freilich nicht zu empfehlen, z.B. weil in Wirklichkeit doch etwas Totzeit im Regelkreis vorliegt, die bei der Modellbildung vernachlässigt wurde, in Wahrheit jedoch eine endliche Amplitudenreserve bedeutet.
Unendliche Phasenreserve
Selbiges gilt für Regelkreise mit theoretisch unendlicher Phasenreserve, bei denen die Ortskurve vollständig im Inneren des Einheitskreises verläuft, wie im nachfolgenden Diagramm. In der Praxis tritt dergleichen kaum auf, weil ein Regler mit derart schwacher Verstärkung schlechtes Führungsverhalten erzielen würde.
Mehrere Schnittpunkte
In komplizierteren Fällen kann es vorkommen, dass die Ortskurve mehrere Schnittpunkte mit der negativen reellen Achse oder dem Einheitskreis hat.
In einem Fahrzeug sollen Schwingungen, die durch die Unebenheit der Fahrbahn angeregt werden, durch ein aktives Dämpferelement bekämpft werden. Die Übertragungsfunktion zwischen dem Aktor und dem Fahrwerk über einen nachgiebige Aufhängung lautet
und beschreibt somit die Dynamik der Strecke. Für die Regelung kommt ein PI-Regler
zum Einsatz. Die Ortskurve des offenen Kreises
ist unten abgebildet.
Wie man sieht, lässt die Ortskurve den kritischen Punkt für links liegen, obwohl sie die negative reelle Achse (sogar zweimal) links von durchquert - auch im Bode-Diagramm ist klar zu erkennen, dass der Phasengang die -180°-Linie nun zweimal schneidet.
Bode-Diagramm des offenen Kreises
Sprungantwort des geschlossenen Kreises
Für die Verstärkung ist der Regelkreis also stabil, allerdings darf man die Verstärkung in diesem Beispiel nicht reduzieren, weil dies (jedenfalls im Intervall ) zu einer Umschließung des kritischen Punkts führen würde.
In Fällen wie diesem ist genaues Nachdenken gefragt!
